Bedürfnisse dienen dem Überleben.

Dies dürfte erklären, warum Bedürfnisse so starken Einfluss auf unser Erleben und Verhalten haben. Bedürfnisse brauchen Strategien, also Möglichkeiten der Befriedigung durch konkretes Verhalten.

Die Erfüllung von Bedürfnissen ist direkt an ein Gefühl von Freude und Wohlbefinden gekoppelt. Spannend ist nun also die Frage, wann wir uns wohl fühlen. Und die Vielfalt der Antworten zeigt die Vielfalt der Bedürfnisse.

Eine unvollständige Aufzählung zusammen mit einer groben Einteilung in körperliche, soziale und psychische Bedürfnisse möchte ich im Folgenden geben1.

Körperliche Bedürfnisse

  • Bewegung
  • Ruhe
  • Nahrung
  • Körperlich angenehme Nähe (z.B. Umarmungen oder Kuscheln)
  • Sexualität

Soziale Bedürfnisse

  •  Emotionale Geborgenheit
  •  Verständnis
  • Gesehen werden
  • Verbundenheit
  • Ehrlichkeit

Psychische Bedürfnisse

  • Hoffnung
  • Inspiration
  • Ruhe
  • Ausprobieren
  • Erfolge feiern
  • Verluste betrauern
  • Selbstfürsorge
  • Eigene Entscheidungen treffen
  • Innere Leichtigkeit

All diese Bedürfnisse dienen entweder direkt oder indirekt dem Überleben. Dies erreichen Bedürfnisse, indem sie Strategien fördern, die prinzipiell gesundheitsförderlich sind. Deswegen rufen befriedigte Bedürfnisse positive Gefühle hervor, in der Regel Freude. Auch das Nachlassen von Anspannung wird vom Gehirn als Belohnung erlebt und Strategien, die Anspannung reduzieren, werden gefördert.

So kann das Bedürfnis nach Nahrung durch verschiedene Lebensmittel gestillt werden. Aufgrund der hohen Energiedichte sind evolutionär bedingt Kohlehydrate (auch Zucker) und Fette besonders stark mit positiven Gefühlen im Gehirn verbunden. Früher waren solche Lebensmittel selten. Heute sind sie für viele Menschen, insbesondere in Konsumgesellschaften, zu leicht erhältlich. Die Folge ist die Zunahme von Übergewicht in vielen Ländern.

Dies dient aber auch als gutes Beispiel dafür, dass die Konzentration auf einzelne Bedürfnisse zu einer Vernachlässigung anderer Bedürfnisse führen kann.

Einzelne Bedürfnisse sind nie allein in der Lage, Gesundheit und Wohlbefinden herzustellen. Erst die Kombination und abwechselnde Befriedigung verschiedener Bedürfnisse ermöglicht Gesundheit.

Strategien

Nun sind Kuchen und Schokolade (Zucker und Fett) aber ja nur eine von vielen Strategien, das Bedürfnis nach Nahrung zu befriedigen.

Obst, Gemüse, Nüsse, Getreide, Reis, Fisch und Fleisch stehen prinzipiell zur Verfügung. Verschiedene Mischungen werden benötigt, um alle Bedürfnisse des Körpers zu befriedigen nach verschiedenen Stoffen, aus denen wichtige Bestandteile des Körpers hergestellt werden. Einseitige Ernähung ist da wie einseitige Bedürfnis-Befriedigung ein Rezept für Unzufriedenheit.

Hilfreich ist es, mehrere Strategien und Alternativen für Bedürfnisse zu kennen. Sollte eine Strategie gerade nicht verfügbar sein, kann dann eine andere gewählt werden.

Für das Bedürfnis „Emotionale Geborgenheit“ etwa könnten folgende Strategien bei der Befriedigung helfen:

  • Kuscheln mit Partner*in
  • Reden mit engen Freund*innen
  • Mit Haustier spielen
  • Ein Instrument spielen
  • Telefonseelsorge anrufen

Es kann gut sein, dass diese Strategien unterschiedlich gut helfen – es geht aber nicht um perfekte oder hundertprozentige Bedürfnisbefriedigung. Es geht um ausreichende Befriedigung, so gut es geht. Die Beschränkung auf eine einzige Strategie wie Partner*in würde sonst bei einer Trennung zu einem vollständigen Wegfall der Befriedigungsmöglichkeiten führen – entsprechend wäre die Angst und Verzweiflung als emotionale Reaktion deutlich stärker ausgeprägt.

Es können so gut wie nie alle Bedürfnisse gleichzeitig befriedigt sein. Wichtiger ist es für Gesundheit und Wohlbefinden, dass alle Bedürfnisse immer mal wieder Berücksichtigung finden in einem Ausmaß das ausreichend ist. Und wenn Alternativen vorhanden sind, darf Partner*in auch mal krank sein oder nicht kuscheln wollen. Das Bedürfnis nach emotionaler Geborgenheit kann dann auch anderweitig befriedigt werden.

Leichter wird dies, weil die meisten Strategien mehrere Bedürfnisse gleichzeitig befriedigen – so kann ein Spaziergang das körperliche Bedürfnis nach Bewegung befriedigen, gleichzeitig das psychische Bedürfnis nach Inspiration und wenn man mit Freund*innen spazieren geht, auch das Bedürfnis nach Verständnis befriedigen.

Verschiedene psychische Störungen fallen durch einseitige Betonung von Bedürfnissen auf, wodurch dann viele andere Bedürfnisse nicht befriedigt werden können. So kann bei einer Sozialen Angststörung das Bedürfnis nach emotionaler Geborgenheit bzw. der Vermeidung von Scham und Schuld-Gefühlen so groß werden, dass das Haus nicht mehr verlassen wird und entsprechend soziale Bedürfnisse kaum noch befriedigt werden können. Bei Depression kann das Ruhe-Bedürfnis übermächtig werden zu Lasten aller anderen Bedürfnisse. Bei einer abhängigen Persönlichkeitsstörung kann das Bedürfnis nach Sicherheit so groß werden, dass keine Entscheidung mehr ohne Partner*in getätigt werden kann.

All diese Störungen haben entsprechend Auswirkungen auf die Bedürfnisbefriedigung und damit mittelbar auf die Gesundheit und Widerstandsfähigkeit gegen köperliche Erkrankungen und psychische Störungen.

Woran wir merken, was „ausreichend“ für unsere Bedürfnisse und damit gut für unsere Gesundheit ist, möchte ich im nächsten Abschnitt zu Gefühlen und Gesundheit erläutern.

  1. Es gibt viele verschiedene und verschiedenartige Aufzählungen von Bedürfnissen - ich orientiere mich grob an dem Konzept der "Gewaltfreien Kommunikation" - verzichte also auf eine Vermengung von Strategien und Gefühlen mit Bedürfnissen.