Gefühle transportieren Informationen. Sie informieren uns über Bedürfnisse. Im Fall angenehmer Gefühle sind Bedürfnisse erfüllt – deswegen fühlen wir uns in der Regel besser, wenn wir etwas  essen, wenn wir mit Freunden reden oder einen Spaziergang machen.

Idealer Weise motivieren die Gefühle uns zu Verhalten, dass der Bedürfnisbefriedigung und damit der Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit dient. Entsprechend auch der Zusammenhang in der Sprache zwischen Emotion und Motion – Emotionen hängen mit Bewegung und damit Aktivität zusamen.

So fühlen wir uns bei Erkältungen müde. Der Körper braucht Ruhe und Wärme, um die Infektion bekämpfen zu können. Das Gefühl der Müdigkeit kommuniziert diese Bedürfnisse an den bewussten Verstand, indem es Verhalten vorbereitet.

Deutlich wird dies auch durch eine sehr spannende Studie von Numenmaa et al (2013), die die Körperdurchblutung für unterschiedliche Emotionen vergleicht. Die Durchblutung des Körpers bzw. des Gehirns ist deswegen aufschlussreich, weil durch eine Erhöhung der Durchblutung eine Aktivierung stattfindent und hierfür mehr Sauerstoff (der uns mit Energie versorgt) bereitgestellt wird. Umgekehrt führt eine Reduktion der Durchblutung zu einer Verminderung der Aktivität bis zur gefühlten oder tatsächlichen Lähmung.

So wird bei Überraschung die Durchblutung der Beine verringert, aber bei Furcht (engl. „fear“) die Durchblutung der Beine erhöht. Entsprechend ist Überraschung recht nah an Angst, die eher lähmend wirkt und Zeit gibt, nachzudenken. Furcht wiederum erlaubt es, schnell wegzulaufen.

Die aus meiner Sicht wichtigsten Gefühle, die als kultur-übergreifend vorhandene Gefühle eher unstrittig sind1, stelle ich kurz vor:

Freude

Freude signalisiert, dass Bedürfnisse befriedigt sind. Dieses Gefühl wirkt als Belohnung und Verstärkung für Verhaltensweisen, die Bedürfnisse befriedigen.
Entsprechend führt Freude im Verhalten dazu, dass das die Situation oder das Verhalten, das die Freude ausgelöst hat, in Zukunft öfter aufgesucht wird.
Um einen derart starken Lerneffekt zu erzielen, ist Freude ein Ganzkörper-Ereignis. Die stärkere Durchblutung des gesamten Körpers fördert auch das Immunsystem und damit die Gesundheit. Dankbarkeit als ein sozialer Teil des Gefühls Freude hat sich in Studien als gesundheitsförderlich herausgestellt2.

 

Angst

Die Funktion von Angst ist es, uns vor Gefahren zu warnen. Im Verhalten bereitet dieses Gefühl Vorsicht und Achtsamkeit vor. Angst wird aktiv bei unklaren Bedrohungen. Entsprechend lähmt Angst eher, um Zeit zu geben, über Lösungen nachzudenken.

Furcht

Furcht wird hingegen durch spezifische Reize (z.B. den Anblick eine Spinne) ausgelöst. Entsprechend wird das Davonlaufen in diesem Fall gefördert, in dem die Beine stärker durchblutet werden.

Trauer

Trauer hilft uns,wichtige Verluste zu bemerken, z.B. von Menschen, Zielen oder auch Lebensumständen, die für unsere Bedürfnisse wichtig waren. Entsprechend werden die Extremtitäten (Arme und Beine) geringer durchblutet, während die Energieversorung für die emotionalen Bereiche (Bauch und Gehirn) zunehmen.
Zum Trauern gehört zum einen die schmerzhafte Akzeptanz, das etwas wichtiges im Leben fehlt. Zum anderen ermöglicht gerade diese Akzeptanz bzw. der Abschied häufig erst eine Neuorientierung – und ohne Neuorientierung könnten dann die damit zusammen hängenden Bedürfnisse unbefriedigt bleiben.

 

Ekel

Ekel dient dem Überleben, indem es uns hilft, ungesundes, verdorbenes oder giftiges Essen sowie Situationen zu vermeiden. Auch potenziell ansteckende Krankheiten und Gerüche, die auf mangelnde Hygiene hinweisen, können Ekel auslösen.
Bezüglich dem Verhalten hilft Ekel, sichere Situationen zu bevorzugen und unsichere Situationen zu meiden.

Scham

Scham ist ein Gefühl, dass erst auftritt, wenn ein Grundverständnis für soziales Miteinander entsteht. Säuglinge haben entsprechend noch keine Schamgefühle.
Scham hilft dabei, sich im sozialen Umfeld den Bedürfnissen der anderen entsprechend passend zu verhalten. Damit führt Scham im Verhalten zu Anpassung und erleichtert damit den sozialen Zusammenhalt.

 

Ärger

 Der Ärger hilft Menschen, Bedürfnissen Priorität zu geben und diese Bedürfnisse zu verteidigen.
Im Verhalten führt Ärger zu einem „Auf den Konflikt zugehen“ – Ärger führt hierfür zu kognitiven Verzerrungen, die in Konflikten einseitige
 

 

Gefühle sind also prinzipiell hilfreich, da sie unser Verhalten Richtung akuter Bedürfnisse wie Sicherheit (Angst), Gemeinschaft (Scham), Gesundheit (Ekel), Selbstfürsorge (Trauer und Ärger) hin orientieren.

Gefühle können aber auch zu stark oder zu schwach werden. Werden einzelne Gefühle zu stark, z.B. im Fall von Angst, kann das zu einem zu starken Sicherheitsverhalten und damit zu Rückzug und Absicherung führen, die die Entfaltung der Persönlichkeit beeinträchtigt. Sollte ein Mensch das Haus kaum noch verlassen, weil die Angst so groß geworden ist, bleiben viele Bedürfnisse auf Dauer unbefriedigt.

Ein anderes Beispiel aus dem psychotherapeutischen Alltag ist eine Form der Depression, die daraus entsteht, dass Gefühle lange bei Seite geschoben wurden (z.B. Trauer oder Ärger), da sie als störend oder nicht passend wahrgenommen wurden (oft bei Menschen, die Schwierigkeiten haben, Nein zu sagen – da gibt es oft Ärger über sich selbst und andere, der dann „heruntergeschluckt“ wird).

Diese Gefühle werden irgendwann ausgeblendet. Damit wird aber auch der lebenserhaltende und motivierende Aspekt von Gefühlen ausgeblendet – weitet sich dies auf verschiedenste Gefühle aus, z.B. weil Scham oder Schuldgefühle dann alle anderen Gefühle überlagern, sind die anderen Gefühle kaum noch wahrnehmbar. In der Konsequenz werden auch eigene Bedürfnisse nicht mehr gut wahrgenommen und der Zustand verschlechtert sich und kann in einer depressiven Störung münden.

Gefühle bzw. deren Abwesenheit sind entsprechend nicht mit „wahren“ Informationen zu verwechseln. Während sie wichtige Informationen über unseren inneren Zustand geben, können Gefühle nicht die Zukunft vorhersagen. Unser Körper nutzt Gefühle, um uns über Bedürfnisse zu informieren – unser Verhalten trägt aber dazu bei, welche Bedürfnisse wir wahrnehmen.

So ist zum Beispiel bei substanzgebundenen Suchterkrankungen (egal ob legale oder illegale Drogen) die Bedürfniswahrnehmung zunehmend eingeschränkt auf  die entsprechende Substanz, z.B. Alkohol. Der Körper wird nach Alkohol schreien, weil er glaubt, es zu brauchen – nicht, weil er es tatsächlich braucht. Ebenso wie Raucher*innen nach Zigaretten schmachten werden, um den Entzugssymptomen zu entgehen. Das mit dem Entzug einhergehende Angstgefühl fühlt sich an wie die Wahrheit (z.B. „Ich kann das nie aushalten!“). Es ist es aber keine Wahrheit, wie alle, die schon einmal einen Entzug gemacht haben, bestätigen können.

Wenn also Gefühle nicht mit Wahrheit gleichzusetzen sind, ist es gesund, sie zu regulieren. Gefühlsregulation ist entsprechend ein wichtiger Baustein für die Aufrechterhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit.

Wie leicht und schnell Gesundheit nach Belastungen wiederhergestellt bzw. trotz Belastung aufrecht erhalten werden kann, wird in der Psychologie durch einen Begriff bezeichnet: Resilienz.

  1. Paul Ekman hatte z.B. noch Verachtung als Basis-Gefühl eingeordnet, während andere Psychologen darin eher eine Mischung aus Ekel und Ärger sehen.
  2. Einen Überblick über verschiedene Studien hierzu gibt die Universität Berkely (englisch).