Psychologie ist die Lehre vom Erleben und Verhalten von Menschen.

Ich möchte zuerst erklären, was mit Erleben gemeint ist. Das Erleben bezeichnet zwei Bereiche:

1. das innere Erleben – also das Zusammenspiel aller Reize, die aus dem Körper selbst kommen (z.B. Schmerz-Reize, Sättigungs-Reize vom Magen, gefüllte Blase, Gedanken, Gefühle).

2. das Erleben der Umwelt, also alle Informationen, die von außen kommen und von Sensoren z.B. in der Haut (Temperatur, Druck, chemische Reize), Nase (Duft), Ohren (Akustische Reize) und Augen (Optische Reize).

Alle Informationen von innen und außen erreichen das Signal nur als elektrische Signale. Ein Apfel, den wir „sehen“, ist entsprechend eine Zusammensetzung von inneren und äußeren Signalen.

Erleben

Ich möchte das Erleben gern an einem Beispiel erläutern: Ich halte einen Apfel in der Hand.

Erleben der Umwelt

  • Meine Haut wird mir Informationen über die Oberfläche des Apfels (z.B. rau oder glatt) und seine Temperatur geben.
  • Meine Arm-Muskulatur wird mir Informationen über das Gewicht geben.
  • Meine Augen informieren mich über die Farbe und die Form.
  • Meine Nase mich über den Geruch.
  • Sollte der Apfel Geräusche von sich geben, würde ich diese über die Ohren wahrnehmen 🙂

Diese Informationen werden teilweise über das Rückenmark, im Fall der Augen, Nase und Ohren direkt, an das Gehirn weitergeben. Im Rückenmark1 kommen bereits Schutz-Reflexe zur Anwendung.

 

Inneres Erleben

  • Das Gedächtnis liefert meinem Gehirn Informationen darüber, dass das, was ich in der Hand halte, ein Apfel ist.
  • Im Gehirn wird eine Gefahrenprüfung vorgenommen. Diese Aufgabe übernimmt federführend die Amygdala, der sogenannte Mandelkern. Sie ist im Gehirn für Gefahren-Erkennung und emotionale Bewertung von Informationen zuständig – sie ist entsprechend eng mit vielen Hirnbereichen verknüpft. Die Amygdala prüft, ob ich Äpfel mit Gefahr verknüpfe und ob dieser konkrete Apfel eine Gefahr2darstellt.
    • Sollte die Amygdala zu dem Schluss kommen, dass Äpfel für mich gut sind und ich gerade Hunger habe, so wird mein Speichel-Fluss zunehmen und der Magen sich auf Nahrung vorbereiten.
    • Sollte die Amygdala zu dem Schluss kommen, dass der Apfel gefährlich ist, wird die Amygdala das Gedächtnis und den gedanklichen Fokus auf mögliche Bewältigungsstrategien lenken.

Die inneren und äußeren Signale werden im Gehirn verarbeitet und ein kleiner Teil wird bewusst wahrnehmbar. Das Gehirn nimmt etwa zwei Prozent des Körpergewichtes in Anspruch, verbraucht dabei ca. 20 Prozent des Sauerstoffes und damit der Energie. Diese Menge an Energie wird verwendet, um die schnelle Informationsweitergabe – das schnelle Feuern von Neuronen – zu ermöglichen.

Verhalten

Das Verhalten von Säugetieren wie dem Menschen ist komplex. Es gibt erlernte automatisierte Verhaltensweisen (z.B. Fahrradfahren, ohne darüber nachzudenken), angeborene Reflexe (Augenlieder schließen im Fall eines sich schnell auf das Gesicht zubewegenden Objektes), und nicht automatisiertes bewusst gesteuertes Verhalten.

In vielen Fällen mischen sich die Verhaltensweisen. So können wir bewusst entscheiden, wohin wir uns bewegen wollen – aber selbst die Muskeln in den Beinen (bzw. in den Armen für das Gleichgewicht bzw. im Fall von vielen Rollstuhlfahrer*innen die Fortbewegung) und im Rücken (aufrechte Haltung und Bewegung ohne Umzufallen) sind dabei automatisiert und nicht bewusst gesteuert.

Psychologisch interessant für Lernprozesse ist die Rolle von Vertrauen. Ist Vertrauen vorhanden, bzw. Angst abwesend, lernt es sich schneller und Abläufe werden schneller automatisiert. Angst, insbesondere Perfektionismus verhindert die Automatisierung. Entsprechend können innere Prozesse wie z.B. Gedanken und Bewertungen das Verhalten deutlich beeinflussen.

Im oben genannten Beispiel ist das Greifen oder Fangen des Apfels ein Verhalten. Ebenso ist es ein Verhalten, den Apfel fallen zu lassen (z.B. weil es ein zu heißer Bratapfel ist), oder ihn zu essen (weil ich hungrig bin).

Erleben und Verhalten werden durch Bedürfnisse beeinflusst. Bei starkem Hunger wird z.B. alles Erleben auf die Suche nach Nahrungsmitteln fokussiert und Verhaltensweisen, die potenziell zu Nahrung führen, werden priorisiert.

Alle, die schon einmal hungrig einkaufen waren, dürften das Phänomen kennen 🙂

Kanfer hat ein in meiner Praxis hilfreiches Modell der Erklärung von Verhalten auf der Basis von Situation, persönlichen Faktoren und den Konsequenzen unseres Verhaltens erstellt, das ich kurz vorstellen möchte.

Oben befindet sich die Situation, in der ein Mensch sich befindet. Dazu gehören Variablen wie zum Beispiel die Temperatur, die Tageszeit, ob Menschen zuschauen und ob diese vertraut oder nicht vertraut sind oder auch ob man gerade in Handschellen im Polizeiwagen sitzt oder auf einer Bank oben auf einem Berg.

Diese Situation wird von mir als Person wahrgenommen über Augen, Ohren (Geräusche und Beschleunigung), Haut (Druck, Temperatur) oder auch die Zunge (Geschmack) sowie das Skelett- und Muskelsystem (Gravitation / Gewicht / Beschleunigung).

Zu allererst gibt es eine automatische Bewertung im Gehirn, teilweise bereits im Rückenmark, um ausgleichendes Verhalten zu erzeugen oder vorzubereiten. So balanciert sich der Körper von alleine, wenn wir angerempelt werden oder gegen eine Glastür laufen – dafür müssen wir nicht nachdenken. Die automatische Bewertung wird sofort in Verhalten umgesetzt mit der Konsequenz, dass ich hoffentlich nicht umfalle oder mich verletze. Erst ein paar hundert Millisekunden bekomme ich bewusst mit, gegen eine Tür gelaufen zu sein.

Teil der ersten automatischen Bewertung ist auch die Rückmeldung an das Bewusstsein, wie die Situation grob eingeschätzt werden könnte. Laufe ich gegen eine Glastür, kann es sein, dass als erstes Ärger als Gefühl kommt, um eine Verteidigungsreaktion vorzubereiten und mich über eine Gefahr zu informieren. Hier spielen auch Schemata eine Rolle, die eine Art Schublade bilden, in die die Situationen gehören könnte. So könnte der Anblick eines Menschen, der etwas Rock-artiges zu tragen scheint, Bewertungen mit sich bringen, die mit weiblichen Personen verknüpft ist, selbst wenn das gegenüber sich als männliche Person im Sarong herausstellen sollte.

Darauf folgt dann die bewusste Bewertung. Hier kann ich einfließen lassen, dass ich selbst Schuld bin, gegen die Tür gelaufen zu sein. Sollte ich geschubst worden sein, so kann ich überlegen, ob es zu meinen Werten passt, zurückzuschubsen oder ob ich lieber nachfrage, warum ich geschubst wurde – bzw. erst einmal zur Absicherung Abstand zwischen mir und der schubsenden Person herstellen.

Sowohl die automatische als auch die bewusste Bewertung werden durch überdauernde3 Persönlichkeitsfaktoren beeinflusst. So kann es sein, dass ich schon häufig und auch in der Kindheit die Erfahrung gemacht habe, dass andere mich ärgern oder gar verletzen wollen. In dem Fall würde ich vielleicht schneller in einer Verteidigungshaltung gehen oder mich ohnehin als Opfer fühlen und immer für alles entschuldigen, selbst wenn ich gar nicht Schuld bin.

Info-Box: Frauen, Männer, Gender

Wenn ich gerade über Automatische Bewertungen schreibe, so lohnt sich ein kleiner Exkurs über biologisches und sozial konstruiertes Geschlecht.

Das biologische Geschlecht ist wesentlich vielfältiger als es die klassische Einordnung in Mann und Frau andeuten würde. Auf genetischer Ebene unterscheiden sich Männer von Frauen häufig, da Männer in der Regel ein X und Y – Chromosom haben, während Frauen in der Regel zwei X -Chromosome im Erbgut haben. Dies ist allerdings keine Garantie – so gibt es Menschen mit X- und Y-Chromosom, die sich körperlich nicht von anderen Frauen unterscheiden und häufig so aufwachsen. Es gibt auch Menschen mit XXY oder XYY-Chromosomen. Zusätzlich wird unabhängig von den Genen etwa jeder tausendste Mensch intersexuell, d.h. mit mehrdeutigen bzw. atypischen Geschlechtsmerkmalen geboren.

Auf der hormonellen Ebene setzt sich fort, dass die einfache Zweiteilung nicht haltbar ist, bzw. der Komplexität der Menschen nicht gerecht wird und diskriminierend wirkt. So gibt es Männer mit mehr Östrogen als Frauen und umgekehrt Frauen mit mehr Testosteron als Männer. Entsprechend ist auch die Auswirkung auf das Verhalten nicht in Stereotype pressbar.

Schädlich ist dieses sogenannte Binär-System dann, wenn Erwartungen an Zugehörigkeit geknüpft werden. „Du als Frau bist schlechter in Sport.“ – „Du als Mann kannst nicht empathisch sein.“. Derartige Vorurteile schränken ein – historisch sind davon Frauen stärker betroffen als Männer, aber auch Männer werden eingeschränkt. Wenn jemandem, der sich als Mann fühlt, immer erzählt wird, Männer seien stark, Männer würden Probleme lösen, Männer reden nicht über Gefühle, so beeinflusst das die Persönlichen Schemata dieses Menschen – er wird begrenzt oder ausgegrenzt, wenn er sich abweichend verhält.

Die innere Bewertung beeinflusst entsprechend maßgeblich das Verhalten. Zwei Verhaltensweisen möchte ich kurz beispielhaft darstellen:

  1. Ich kann mit Gedanken wie, „Passiert jedem Mal, hat ja niemand mit Absicht gemacht“ meinen Ärger reduzieren – eine innere Veränderung. Dann kann ich die Situation verändern, indem ich die Tür suche und öffne.
  2. Ich schäme mich, weil ich glaube, immer alles falsch zu machen (ein Bewertungsmuster meiner Persönlichkeit). Innerlich könnte ich mich dann in Gedanken (auch Gedanken sind Verhalten) verurteilen und gegenüber meiner Umwelt entschuldigen.

Im nächsten Abschnitt wird es um die verschiedenen Bedürfnisse gehen, die unser Erleben und Verhalten beeinflussen – und warum Bedürfnisse einen so großen Einfluss auf uns haben.

  1. Sollte z.B. die Temperatur-Wahrnehmung in der Haut Alarm schlagen, weil der Apfel eine potenziell schädliche Temperatur hat, so wird dies im Rückenmark bereits bemerkt und eine Bewegung ausgelöst, um den Apfel fallen zu lassen (ein Schutzreflex). Dann werden alle Informationen an das Gehirn weitergegeben.
  2. Das Essen von verdorbenen Äpfeln kann z.B. schnell eine sogenannte Geschmacks- oder Geruchsaversion hervorrufen, bei der ein Schutzreflex den Verzehr danach erst einmal verhindert - viele Menschen kennen dies, wenn sie vor ein paar Tagen schlecht gewordenen Milch getrunken haben, dass sie einige Zeit erstmal keine Milch mehr trinken möchten.
  3. "Überdauernde Persönlichkeitsfaktoren" bedeutet, dass sich diese nur langsam ändern lassen. Es bedeutet ausdrücklich nicht, dass sie gar nicht verändert werden könnten. Persönlichkeitsstörungen spielen sich in der Regel in diesem Bereich ab.